Wiesbaden, im Juni 2002
Christoph Müller
VFH Wiesbaden, FB Polizei
Studiengruppe: 2/2001/01
Matrikelnummer: 015820



Psychologie

Grundstudium 2

Dozentin: Prof. Dr. Mayer


Referat zum Thema

P T S D und C I S M




Inhalt

Vorwort

Einleitung

Hauptteil

Schluss

Erklärung



Vorwort

Grundlage dieses Referat bildete das Buch "Streßbearbeitung nach belastenden Ereignissen - Zur Prävention psychischer Traumatisierung" von Jeffrey T. Mitchell und George S. Everly. Die deutsche Ausgabe wurde herausgegeben von Andreas Igl und Joachim Müller-Lange. Das Buch ist 1998 erschienen in der Verlagsgesellschaft Stumpf & Kossendey.
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Einleitung

Das heutige Thema ist eines der wichtigsten in Psychologie im gesamten Grundstudium. Und zwar deshalb, weil es heute primär nicht um andere geht, sondern um uns selbst. Es geht nicht darum, das Verhalten anderer Menschen zu erkennen und zu erklären, warum begeht jemand eine Straftat oder warum verhält sich jemand so und nicht anderes?

Es soll darum gehen, warum reagiere ich, warum reagiert ihr, warum reagieren wir in einer bestimmten Situation auf eine bestimmte Art und Weise. Es geht also um uns, um euch, um jeden einzelnen ganz persönlich.

Wenn ihr euch bisher hier in den Psychologie-Vorlesungen gefragt habt, wieso bin ich eigentlich hier, für was brauche ich das denn überhaupt, so kann ich euch für heute die Antwort geben: Für euch selbst.

Und wenn ihr wollt auch für eure Kolleginnen und Kollegen mit denen ihr zusammen Dienst macht bzw. machen werdet.

Hauptteil

Was ist PTSD und CISM?

PTSD steht für

P ost
T raumatic
S tress
D isorder.

Ins Deutsche übersetzt steht er für Posttraumatische Belastungsstörung, in der neueren Literatur wird von einer Posttraumatische Belastungreaktion gesprochen. Ich werde im weiteren den deutschen Begriff "Posttraumatische Belastungsreaktion" verwenden. Der Begriff Belastungsreaktion gibt gegenüber dem Begriff Belastungsstörung das, was passiert, besser wieder. Eines möchte ich an dieser Stelle schon sagen:

Posttraumatische Belastungsreaktionen und auch die "akuten Belastungsreaktionen" sind normale menschliche Reaktionen auf abnormale Ereignisse. Man ist nicht verrückt - und schon garnicht geisteskrank. Nicht derjenige oder diejenige, die solche Reaktionen zeigen sind abnormal, sondern das Ereignis, was sie vorher erlebt haben. Die Symptome, die ich euch gleich noch darstellen werden, sind normale, in jedem Menschen angelegte Reaktionen auf abnormale, traumatische Ereignisse.

Das ist das erste, was ihr euch merken solltet - jeder von euch. Sich das selbst oder einer betroffenen Kollegin oder einem betroffenen Kollegen sagen zu können ist die erste Entlastung in einer Stresssituation, die erste Hilfe, die man jemandem geben kann.

Was sind "Traumatische Ereignisse"?

Der Ursprung der "Traumforschung" lag zunächst in kriegerischen Auseinandersetzungen im letzten Jahrhundert und den Belastungen, denen die Soldaten dort ausgesetzt waren. Die Entwicklung geht über Einsatzkräfte bis hin zum Bürger. Mittlerweile wird davon ausgegangen, das jeder betroffen sein kann.

Ein traumatisches Ereignis wird definiert als "jenseits der menschlichen Erfahrung liegend, mit deutlichen belastenden Auswirkungen auf nahezu jeden Menschen".

Folgende Ereignisse können eine Belastungsreaktion hervorrufen:

  • schwere Unfälle
  • Zerstörung des eigenen Heimes oder des Lebensumfeldes
  • Katastrophen, Großschadenslagen
  • Terrorismus, Attentate
  • Naturkatastrophen
  • Vergewaltigung
  • Straftaten
  • Bedrohung der eigenen Person oder Zeuge der Bedrohung einer anderen Person werden
  • Körperverletzungen erleiden oder Zeuge einer Verletzung einer anderen Person werden.
Die Weltgesundheitsorganisaton (WHO) nennt die nachfolgenden wesentlichen Faktoren für die Entstehung einer psychischen Traumatisierung:

  • schwere Körperverletzung, Entstellung, Verstümmelung oder Behinderung
  • Angst vor schwerer Körperverletzung, Entstellung, Verstümmelung oder Behinderung
  • Todesangst
  • Folter
  • Angst vor Folter
  • sexueller Übergriff
  • Angst vor sexuellen Übergriffen
  • Miterleben des plötzlichen Todes einer Person, mitansehen, wie eine Person starke Schmerzen oder physische Verletzung erleidet
  • Sorge, in der Verantwortung versagt zu haben, mit der Folge von Personenschaden
  • Eindruck, betrogen worden zu sein
  • Tod oder Verletzung von Kindern
  • Überzeugung, in der Verantwortung versagt zu haben und dadurch anderen Schaden zugefügt zu haben
  • Überzeugung, ungerechtfertigt überlebt oder geflohen zu sein und dabei keinen körperlichen Schaden davongetragen zu haben
  • Überzeugung, jemanden oder etwas verraten zu haben
  • Verletzung von oder Widerspruch gegen Grundüberzeugungen (Gott, Freundschaft, Loyalität, Fairness, Gerechtigkeit, Treue oder Kompetenz)
  • Schamgefühl in Verbindung mit anderen als den vorgenannten Faktoren
  • Schuld in Verbindung mit anderen als den vorgenannten Faktoren
  • Krieg
  • Umwelt- und ökologische Katastrophen
Merke: Es ist davon auszugehen, dass Erschöpfung, Wasserentzug, Hitze, Kälte oder chemische Substanzen das Risiko erhöhen, durch die vorgenannten Faktoren eine psychische Traumatisierung zu erleiden.

Für Einsatzkräfte kommen insbesondere folgende belastende Ereignisse in Frage:

  • schwerer Dienstunfall
  • Dienstunfall mit tödlichem Ausgang
  • Ereignis, bei dem mehrere Menschen ums Leben kommen
  • Ereignis, bei dem Kinder beteiligt sind bzw. geschädigt werden
  • Suizid eines Kollegen [/einer Kollegin]
  • Ereignisse, bei denen das Opfer den Helfern bekannt ist
  • übermäßiges Interesse der Medien
  • lange andauernde und dadurch besonders belastende Einsätze (mehrere Tage)
  • jeder andere besonders bedeutende Vorfall
  • mehrere parallele Schadensereignisse/Großschadenslagen

Zu welchen Reaktionen kann es kommen?

  • Flashbacks (sich plötzlich aufdrängende gedankliche Rückblenden)
  • traumatische Träume (Alpträume mit Bildern aus dem traumatischen Ereignis)
  • Gedächtnisstörungen
  • Selbstmedikation (z. B. Alkohol- und Drogenmissbrauch)
  • Wut, Gereiztheit, Aggressivität, die nur schwer kontrollierbar sind
  • anhaltende Depression, Rückzug
  • Benommenheit, Abstumpfung
  • Panikattacken
  • Phobien
Damit von einer Posttraumatischen Belastungsreaktion gesprochen werden kann, müssen die genannten Symptome länger als 4 Wochen andauern. Bis zu diesem Zeitpunkt spricht man von einer "akuten Belastungsreaktion".

Folgende Veränderungen können stress- und belastungsbedingt eintreten:

kognitiv:
  • gedankliche Verwirrung
  • reduzierte Entscheidungsfähigkeit
  • Konzentrations- schwierigkeiten
  • Gedächtnis- schwierigkeiten
  • Reduzierung der höheren kognitiven Funktionen
körperlich:
  • starkes Schwitzen
  • Sprachstörungen
  • Herzrasen
  • erhöhter Blutdruck
  • schnelles Atmen
emotional:
  • emotionaler Schock
  • Wut
  • Trauer
  • Depression
  • Gefühl, überwältigt zu sein
verhaltensmäßig:
  • Änderungen der vertrauten Verhaltensmuster
  • verändertes Essverhalten
  • Vernachlässigung der Körperhygiene
  • Distanz zu anderen Menschen
  • längeres Schweigen


Was kann man tun?

CISM - eine Methode der Stressbearbeitung

CISM steht für

C ritical
I ncident
S tress
M anagement.

Auch dieser Begriff kommt aus dem amerikanischen. Auf deutsch heißt es

S tressbearbeitung nach
b elastenden
E reignissen.

Den Begriff der Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen bzw. SbE werde ich im weiteren verwenden.

Es gibt vier Formen der SbE von denen ich auf die ersten drei eingehen möchte:

  1. SbE-Kurzbesprechung (Defusing)
  2. SbE-Nachbesprechung (Debriefing)
  3. SbE-Einsatzabschluss (Demobilization)
  4. SbE-Einsatzbegleitung ("on scene support service")
Für die SBE-Kurzbbesprechung wird auch auch noch der englische Begriff des "Defusing" verwendet, für die SbE-Nachbesprechung der Begriff "Debriefing", für SbE-einsatzabschluss der Begriff "Demobilization".

SbE ist keine Form von (Psycho-)Therapie, sondern es sind strukturierte Gesprächangebote mit folgenden Zielen:

  • Vorbeugung vor traumatischem Stress
  • Linderung von traumatischem Stress
  • Erholung von traumatischem Stress durch schnelle Intervention
  • Beschleunigung der Erholung nach traumatischem Stress
  • Erhaltung von Gesundheit und Wohlbefinden der Mtarbeiter
SbE ist eine Methode (posttraumatischen) Stress abzubauen, zu vermindern und den Verarbeitungsprozess zu fördern.

SbE-Kurzbesprechung und SbE-Nachbesprechung unterscheiden sich u. a. in dem Zeitraum in dem sie zum Einsatz kommen, SbE-Einsatzabschluss in der Anzahl der angesprochenen Personen.

SbE-Kurzbesprechung (Defusing)

SbE-Kurzbesprechungen sollen in der Regel innerhalb von 8 Stunden nach einem traumatischen Ereignis durchgeführt werden.

Es handelt sich um ein strukturiertes Gespräch, welches aus drei Phasen besteht

  1. Einführungsphase
  2. Austauschphase
  3. Informationsphase
In der Einführungsphase werden u. a. kurz das SbE-Team vorgestellt, der Ablauf wird beschrieben, Fragen der Teilnehmer werden beantwortet, der Zweck und das Ziel wird den Teilnehmern erklärt.

In der Austauschphase können sich die Teilnehmer über das Ereingnis, wie sie es aus ihrer Sicht wahrgenommen haben austauschen.

In der Informationsphase informiert das SbE-Team über Möglichkeiten der Stressbewältigung, klärt auf, welche Reaktionen in der nächsten Zeit auftreten können und bietet an auch danach noch für Fragen zur Verfügung zu stehen.

SbE-Nachbesprechung (Debriefing)

Die SbE-Nachbesprechung ist die aufwendigste Form der SbE. Sie soll im Zeitraum 24 bis 72 Stunden nach dem Ereignis durchgeführt werden. In Ausnahmefällen kann sie auch noch nach mehr als 72 Stunden durchgeführt werden.

Es handelt sich ebenfalls um ein strukturiertes Gepräch, welches jetzt aber aus insgesamt sieben Phasen bestimmt. Die einzelnen Phasen möchte ich hier nur kurz nennen:

  1. Einführungsphase
  2. Tatsachenphase
  3. Gedankenphase
  4. Reaktionsphase
  5. Auswirkungsphase
  6. Informationsphase und
  7. Abschlussphase
Ziel ist es

  1. die Auswirkungen eines belastenden Ereignisses auf Betroffene zu reduzieren,
  2. den Genesungsprozess bei Menschen zu beschleunigen, die normale Stressreaktionen aufgrund traumatischer Ereignisse entwickeln.
Auf die Phasen im einzelnen möchte ich hier nicht eingehen.

Bei dem SbE-Team, welches die SbE-Nachbesprechung durchführt, ebenso wie die SbE-Kurzbesprechung handelt es sich um ein oder zwei medizinisch/psychosoziale Fachkräfte und ein bis zwei Peers.

SbE-Besprechungen müssen in einer störungsfreien Umgebung/Räumlichkeit durchgeführt werden. Eine entsprechende logistische Vorbereitung ist dazu deshalb sehr wichtig, darauf möchte ich aber heute auch nicht eingehen.

Ein paar Grundsätze einer SbE-Nachbesprechung möchte ich nennen:

  • "Das Hauptanliegen einer SbE-Nachbesprechung liegt im Stressabbau bei normalen, emotional gefestigten Menschen, die psychisch traumatisiert wurden. Sie wurde nicht entwickelt, um degenerativen Stress, psychische Krankheiten oder persönliche Probleme zu lösen, die schon vor der aktuellen Katastrophe bestanden haben."
  • "Niemand sollte eine SbE-Nachbesprechung ohne ein entsprechenes vollständiges, gut ausgebildetes Team durchführen."
  • "Vertraulichkeit ist ein absolutes Muss"
  • "Die Teilnehmer müssen nicht reden. Jeder hat das Recht zu schweigen"
  • "Es gibt keinen Grund, etwas in der SbE-Nachbesprechung aufzuschreiben oder sonstwie festzuhalten"
  • "Die SbE-Einsatz-Nachbesprechung ist kein Ort für Kritik am einsatztaktischen Verlauf eines Ereignisses."
  • Den Teilnehmer muss unbedingt gesagt werden, dass keine Berichte an Vorgesetzte weitergegeben werden dürfen."
  • Es gibt keine Pause während einer SbE-Nachbesprechung.
Die SbE-Nachbesprechung hat nichts mit einer "einsatztaktischen Nachbesprechung" zu tun, sie darf mit ihr nicht kombinert werden.

Teilnehmer an einer SbE-Nachbesprechung sind für die Dauer der Sitzung vom Dienst zu befreien. Auch für Notfällen stehen die Teilnehmer an einer gerade stattfindenden SbE-Nachbesprechung nicht zur Verfügung.

SbE-Einsatzabschluss (Demobilization)

Zum Schluss nun noch die Form des SbE-Einsatzabschlusses. Während sich die SbE-Kurz- und Nachbesprechung an einer maximale Personengruppe von 20 - 30 Personen richtet, kann der SbE-Einsatzabschluss, auch bei einer größeren Gruppe von Betroffenen durchgeführt werden, insbesondere nach Katastrophen und Großschadensfällen, unmittelbar nach dem Einsatzende.

Der SbE-Einsatzabschluss besteht aus zwei Teilen. Zunächst werden die Betroffenen von einer ausgebildeten SbE-Kraft u. a. informiert

  • über mögliche Erscheinungsformen von Stressreaktionen auf das Ereignis,
  • über Möglichkeiten des Umgangs, der Stressbearbeitung,
  • über weitere Unterstützungsangebote.
Dies soll nicht länger als 10 bis 15 Minuten dauern.

Die zweite Phase besteht aus einem zwanglosen Imbiss, während dem die Betroffenen untereinander Kontakte knüpfen können oder sich in Einzelgespräche an die SbE-Teammitglieder wenden können. Dauer ungefähr ca. 20 Minuten.

Schluss

Ich habe bewusst auf eine detaillierte Darstellung des Verlaufs der genanten SbE-Formen verzichtet. Dies würde den Rahmen dieses Referates gesprengt.

Falls ihr einmal selbst in die Situation kommt, ein traumatisches Ereignisse zu erleben, denkt daran, das Ereignis ist abnormal gewesen, nicht die Reaktionen, die es verursacht.

Falls ihr einmal an einer SbE-Sitzung teilnehmt, vertraut auf die Kompetenz des SbE-Teams und lasst euch einfach auf das Gespräch ein, auch wenn ihr von dem Nutzen nicht überzeugt sein solltet, eine richtige und gut vorbereitet SbE-Sitzung schadet nicht.
    Jetzt bin ich fast am Ende angelangt. Habt ihr Fragen zum Thema?
Auch diesmal möchte ich euch darauf hinweisen, dass ihr dieses Referat im Internet noch einmal nachlesen könnt, unter der Adresse: www.studium.mueller7.com.

Ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit.

-- Ende --

Erklärung

Ich erkläre, dass ich dieses Referat selbstständig und ohne fremde Hilfe erstellt habe. Zitate sind besonders gekennzeichnet.

Wiesbaden, 17. Juni 2002

(Christoph Müller)

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