Wiesbaden, im Oktober 2002
Christoph Müller
VFH Wiesbaden, FB Polizei
Studiengruppe: 2/2001/01
Matrikelnummer: 015820



Kriminalistik

Hauptstudium 1

Dozentin: Matthäi

Referat zum Thema

"Ersticken"




Einleitung

Das "Ersticken"

Verlauf einer Erstickung

Wie kann man ein "Ersticken" erkennen?

Sonderformen des "Erstickens"

Schluss

Erklärung

Literaturnachweis



Einleitung

Liebe Kolleginnen und Kollegen, heute kommen wir zum ersten Referat im Fach Kriminalistik. Was ich mich gefragt habe, als die Termine für die Referate festgelegt wurden, warum kommt das Thema "Ersticken" als erstes? Durch die Vorbereitung auf den heutigen Termin habe ich erfahren, warum das Thema "Ersticken" vor allen anderen kommt. Es ist nämlich die Grundlage für die noch kommenden Todesarten, wie Erwürgen, Erhängen, Strangulation, Ertrinken und auch für die Vergiftung. Wenn man die Definition von "Ersticken" sehr weit fasst, ist letztendlich jeder Tod ein Erstickungstod.

Das "Ersticken"

Unter "Ersticken" versteht man eine Mangelversorgung innerer Organe und des Gehirns mit Sauerstoff. Durch eine Schädigung der Zellen infolge des Sauerstoffmangels kommt es zu irreversiblen Zellschäden und schließlich zum Zusammenbruch der Körperfunktionen. Dies kann sich auf den ganzen Organismus erstrecken oder nur auf einzelne Organe, dann spricht man von einer lokalen Erstickung. Um von einem Ersticken sprechen zu können, darf aber keine Schädigung der Herz-Kreislauffunktion vorliegen.

Inneres und äußeres Ersticken

Je nachdem, wie der Sauerstoffmangel verursacht wird, spricht man von einem "äußeren Ersticken" oder von einem "inneren Ersticken". Ein "Äußeres Ersticken" liegt vor, wenn der Sauerstoffaustausch in den Lungen behindert wird, dies kann geschehen durch mechanische Behinderung der Atemwege, z. B. durch Verlegung der Atemwege oder durch Behinderung der Atemmechanik, d. h. der Atembewegung.

Von einem "inneren Ersticken" spricht man, wenn der Sauerstofftransport im Blut oder der Sauerstoffaustausch in den Zellen gestört ist.

Das Gehirn ist das Organ, das am sensibelsten auf Sauerstoffmangel reagiert. Wird die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn vollständig unterbunden, sei es durch innere oder äußere Umstände, tritt nach ca. 8 bis 10 Sekunden Bewusstlosigkeit ein, die eine Selbstrettung ausschließt. Nach 8 bis 10 Minuten Sauerstoffmangel kann das Gehirn noch wiederbelebt werden, allerdings treten schon nach 2 bis 3 Minuten, andere sprechen hier von 5 bis 10 Minuten, irreversible Zellschäden im Gehirn auf, so das eine dauerhafte Schädigung zurückbleibt. Nach ca. 10 Minuten kommt es zum Erlöschen aller anderen Körperfunktionen, zum Tod.

Bei abgesenkter Körpertemperatur können sich die Zeiten verlängern, da die Stoffwechselreaktionen sich verlangsamen. Bei 17° C ist die Wiederbelebungszeit sechsmal so groß wie bei 37° C Körpertemperatur.

Das Herz kann selbst nach Stillstand der Atmung noch bis zu 10 Minuten schlagen und kann auch noch nach längerem Sauerstoffmangel wiederbelebt werden, selbst wenn das Gehirn schon irreversibel geschädigt ist (Hirntod).

Hypoxisches und asphyktisches Ersticken

Neben dem "inneren und äußeren Ersticken" ist eine zweite Unterscheidung von Bedeutung: Kommt es neben dem Sauerstoffmangel auch zu einem CO²-Überschuss im Blut und in den Zellen, zu einer CO²-Stauung, so nennt man dies asphyktisches Ersticken oder Asphyxie. Bei einem reinen Sauerstoffmangel ohne CO²-Stauung (Retention), wenn das CO² weiter ungestört abtransportiert und abgeatmet werden kann, spricht man von einem hypoxischen Ersticken oder Hypoxie.

Der CO²-Überschuss im Blut führt dazu, dass der oder die Betroffene Atemnot und Erstickungsängste entwickelt. Bei reinem Sauerstoffmangel tritt das Gefühl der Atemnot nicht auf, es kommt nicht zu Erstickungs- und Todesangst. Reiner Sauerstoffmangel wirkt im Gegenteil leicht euphorisierend, die Erstickungsgefahr wird dadurch nicht erkannt. Selbstrettungsmechanismen werden beim reinen Sauerstoffmangel nicht ausgelöst. Eine weitere Wirkung ist eine Reflexverstärkung.

Ein Beispiel für einen reinen Sauerstoffmangel ist der Tod durch Kohlenmonoxid. Kohlenmonoxid hat eine 200-fach höhere Bindungskraft an die roten Blutkörperchen als Sauerstoff. Die Aufnahme von Sauerstoff im Blut wird bei einer Kohlenmonoxidvergiftung dadurch verhindert (z. B. Suizid im Auto). Ein zweites Beispiel wäre ein teilweises Abdrücken der Halsarterien, ohne das aber der Rückfluss des Blutes in den Venen vom Gehirn eingeschränkt wird (z. B. Autoerotik). Der Abtransport von CO² von den Zellen bleibt bestehen.

Der Tod in einem Silo fällt auch hierunter, da der Sauerstoff, die Atemluft, durch die schwereren Gärungsgase verdrängt wird. Auch ist hier zu nennen das Ersticken mit einer Plastiktüte über dem Kopf.

Nur ein Ersticken mit CO²-Stauung führt zu starken körperlichen (Abwehr-) Reaktionen, Erhöhung der Atemfrequenz, der Herzfrequenz und des Blutdruckes. Auch Atemnot und ein Erstickungsgefühl mit Todesangst stellt sich nur durch die CO²-Stauung ein.

Verlauf einer "Erstickung"

Hypoxie

Bei reinem Sauerstoffmangel (Hypoxie) reagiert der Körper zunächst mit einer Steigerung der Atemfrequenz - Dauer ca. 1 bis 1,5 Minuten. Durch die damit einhergehende verstärkte Abatmung von CO² durch Hyperventilation kommt es zu einer Steigerung der muskulären und psychischen Erregbarkeit, bis hin zu einem Gefühl der Euphorie. Es kommt zu einer Erhöhung des Blutdruckes. Die Pulsfrequenz nimmt ab. Einzelne Krämpfe können auftreten.

Schließlich kommt es zu einer Trübung des Bewusstseins, die Atmung lässt nach, der Blutdruck fällt ab, bis zum Kollaps, der Herz schlägt kurzzeitig schneller, der ganze Körper verkrampft. Die Atmung setzt aus, für eins bis zwei Minuten, anschließend setzt Schnappatmung ein.

Wird die Sauerstoffversorgung des Gehirns vollständig unterbrochen, kommt es schon nach ca. 8 bis 10 Sekunden zur Bewusstlosigkeit.

Asphyxie

Wird der Sauerstoffmangel begleitet von einer Ansammlung von CO² im Blut (Asphyxie) verstärken sich die beschriebenen Erscheinungen, es ändert sich allerdings das subjektive Empfinden des oder der Betroffenen. Der oder die Betroffene empfindet keine Euphorie, sondern hat das Gefühl der Atemnot, bis hin zur Erstickungs- und Todesangst.

Es kommt zu einer verstärkten Ausschüttung von Adrenalin. Der erhöhte Adrenalingehalt im Blut kann auch noch postmortal festgestellt werden. Der Adrenalingehalt ist ein Unterscheidungsmerkmal zum inneren Ersticken und zum Tod durch Herz-Kreislauf-Versagen. Beachtet werden muss hierbei allerdings, ob von einem Notarzt bei einem Reanimationsversuch Adrenalin injiziert wurde.

Wie kann man ein "Ersticken" erkennen?

Nun stellt sich die Frage, wie kann man ein Ersticken erkennen. Hier gibt es innere Merkmale, die erst bei einer Obduktion und weiteren Untersuchungen erkannt werden können und äußere Merkmale, die bei einer Leichenschau erkennbar sein könnten.

Zunächst ein Zitat, welches ein großes Problem des Erstickens verdeutlicht:

    "Fehlen Spuren von Gewaltanwendung, ... , so ist die Diagnose aufgrund der Erstickungszeichen nur unter sicherem Ausschluss jeder anderen, namentlich einer natürlichen Todesursache zu stellen."

Erstickungsblutungen oder Petechiale Blutungen oder Petechien oder Ekymosen

Petechien sind kleine, punktförmige Blutungen, die zuerst in den Augenbindehäuten, dem Weiß des Augapfels und auf den Augenlidern entstehen, weiter in der Gesichtshaut und der Mund- und Rachenschleimhaut auftreten. Des weiteren sind sie zu finden in der Schläfenmuskulatur und der Haut der Lunge. Diese Blutungen an und in der Lunge werden "Tadieu'sche Flecken" genannt.

Petechiale Blutungen können aber auch hervorgerufen werden durch eine Tieflage des Kopfes oder Bauchlage, dies kann auch noch postmortal geschehen. Auch können sie verursacht werden durch Presswehen, oder eine (starke) Hustenattacke und auch bei einem stark schreienden Säugling. Eine forcierte Herzdruckmassage kann auch die Ursache petechialer Blutungen sein.

Petechien entstehen nicht, wenn der arterielle Blutfluss zum Kopf unterbrochen ist. Ebenso, wenn keine mechanische Behinderung der Atmung und keine Behinderung des Venenblutflusses am Kopf besteht.

Zyanose

Unter Zyanose vesteht man die Blaufärbung der Gesichtshaut und der Schleimhäute. Sie ist besonders ausgeprägt beim Erwürgen und Erdrosseln. Sie entsteht durch die Behinderung des Rückflusses des Blutes zum Herzen hin.

Sie kann postmortal verschwinden durch das Absinken des Blutes in tiefere Körperregionen. Sie fehlt wiederum, wenn der Blutzufluss zum Kopf behindert war. Im Zusammenhang mit Leichenflecken im Gesicht ist die Zyanose nicht mehr abgrenzbar.

Dunsung oder Stauung

Davon betroffen sind vorwiegend die Gesichtsweichteile. Eine Dunsung oder Stauung entsteht, wenn der Rückfluss des Blutes in den Venen nicht mehr gegeben ist, z. B. beim Würgen und Drosseln. Sie sind allerdings ein unspezifisches Zeichen.

Petechiale Blutungen, Zyanose und Dunsung/Stauung sind die bei einer Leichenschau äußerlich sichtbaren Anzeichen für einen Erstickungstod.

Weitere, innere Erstickungszeichen sind:

  1. Lungenblähung
  2. Herzerweiterung bis zur Diletation
  3. Blutleere Milz
  4. Flüssig-sein des Blutes
  5. Veränderungen der Blutzusammensetzung.

Dies sind allerdings Anzeichen, die erst bei einer Obduktion und weiterführenden Untersuchungen feststellbar sind. Ich möchte deshalb hier nicht weiter auf sei eingehen.

Sonderformen des "Erstickens"

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich noch auf besondere Formen des "Erstickens" eingehen:

  1. den Bolustod,
  2. den Aspirationstod
  3. den Tod durch "weiche Bedeckung" und
  4. den "lagebedingten Erstickungstod" oder "positional Asphyxia".

Bolustod

Beim "Bolustod" werden die oberen Luftwege oder der Rachen durch einen Fremdkörper verlegt. Es kommt allerdings nicht zu einer Erstickung, sondern zu einem reflexartigen, plötzlichen Herzstillstand, der durch den Zusammenbruch des Kreislaufes zum Tod führt. Erstickungszeichen kommen nicht zu tragen, selbst wenn die Atemwege vollständig verschlossen wurden.

Meistens geschieht dies durch übergroße Essensstücke, es kann aber auch ein verrutschtes Gebiss den Bolustod auslösen. Gefährdet sind insbesondere Personen, bei denen die Reflexkoordination gestört ist. Dies ist oft der Fall bei höhergradig alkoholisierten Personen oder Personen mit schweren hirnorganischen oder neurologischen Vorschädigungen.

Aspirationstod

Von Aspirationstod wird gesprochen, wenn die Luftwege durch eingeatmetes Fremdmaterial verlegt bzw. verschlossen werden.

Dies kann geschehen durch

  • "Aspiration von austretendem Blut nach Luftwegsverletzung
  • Aspiration von Blut aus dem Nasen-Rachenraum nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma mit Schädelbasisbrüchen oder Gesichtsschädelverletzungen und Bewusstlosigkeit (kein Hustenreflex!)
  • Aspiration von erbrochenem Mageninhalt bei Bewusstlosen (kein Hustenreflex)
  • Aspiration von festen Fremdkörpern (z. B. Murmeln, Erdnüsse), die trotz Hustenreflex steckenbleiben, vor allem bei Kindern."

Tod durch "weiche Bedeckung"

Darunter versteht man das Verlegen von Mund- und Nasenöffnung mittels eines weichen Gegenstandes, z. B. eines Kissens. Dazu muss der Täter im Normalfall eine körperliche Überlegenheit gegenüber dem Opfer besitzen oder das Opfer ist geschwächt durch Alkohol, Medikamente oder Gifte.

Da eine "weiche Bedeckung" keine typischen, sichtbaren Spuren verursacht, ist der Nachweis immer schwierig. Petechien oder Lungenblähung können mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Vorhanden sein könnten leichte Vertrocknungen der Haut um den Mund und um die Nase. Bei Säuglingen ist eine Abgrenzung zu einem "plötzlichen Kindstod" sehr schwierig.

Bestehen bis hierher noch Fragen?

Lagebedingter Erstickungstod
(positional Asphyxia)

Das Phänomen des "lagebedingten Erstickungstodes" möchte ich hier noch ansprechen, weil jede und jeder von uns u. U. damit im Dienst zu tun haben könnte.

Der "lagebedingte Erstickungstod" wird verursacht durch starke, körperliche Anstrengung des oder der Betroffenen, die mit einem Sauerstoffdefizit, einem Sauerstoffmangel, einhergeht, verbunden mit einer Einschränkung der Atemmöglichkeit.

Er ist von Bedeutung bei polizeilichem Einschreiten, mit Widerstandshandlungen des oder der Betroffenen, bei dem Zwang angewendet wird. Fälle bei denen in Gewahrsam befindliche Personen nach der Anwendung von Zwang verstarben, sind auch in Deutschland bekannt geworden, u. a. in Zusammenhang mit Abschiebungen

Gefährdet sind insbesondere Personen

  • die körperlich erschöpft sind
  • die sich in einem akuten Erregungszustand befinden
  • die alkoholisiert oder unter der Wirkung von anregenden Drogen stehen und
  • bei denen die Atmung behindert ist.

Durch die Erstickungsangst kann es zu einer unkontrollierten Verstärkung des Widerstandes kommen, was wiederum zu einer Steigerung des Sauerstoffverbrauches führt.

Zu dem Problem wurde von der Polizei in Bayern und in Baden-Württemberg ein 12-minütiger Videofilm erstellt, welcher das Phänomen behandelt. Das Video wurde für Unterrichtseinheiten im Fach "Einsatztrainer" bzw. "DiF" erstellt. Es kommt aber auch ein Notarzt aus Schwenningen und Prof. Dr. Penning, vom Gerichtmedizinischen Institut in München zu Wort, die das Phänomen erläutern. Am Schluss wird auch auf die Bedeutung der 1. Hilfe in einem solchen Fall eingegangen.

--- Videofilm ---

Schluss

Noch ein Zitat zum Schluss mit dem ich zu den Referaten überleiten möchte, die uns in den nächsten Wochen erwarten:

    "Bei den gewaltsamen Erstickungen ist der Nachweis der erstickenden Ursache, des "Tatwerkzeuges", entscheidender, als der Nachweis der Erstickung als solcher."

Mit dem Hinweis, dass mein Referat im Internet unter der Adresse www.mueller7.info abgerufen werden kann, möchte ich mein Referat beenden.

-- Ende --

Erklärung

Ich erkläre, dass ich dieses Referat selbstständig und ohne fremde Hilfe erstellt habe. Zitate sind besonders gekennzeichnet. (Fußnoten sind in der Webfassung nicht aufgenommen.)

Wiesbaden, 08. Oktober 2002



(Christoph Müller)

Literaturnachweis

Prokop, Otto, Göhler, Werner, Forensische Medizin, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart New York, 1976

Penning, Randolph, Rechtsmedizin systematisch, Uni-Med-Verlag, 1997

Gaus, Wilhelm, Reinhard, G., Hingst, V., Seidel, H.J., Mattern, R., Sonntag, H.-G., Ökologisches Stoffgebiet, 3. Aufl., Hippokrates-Verlag im Georg-Thieme-Verlag, 1999

Ponsold, Albert, Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin, Georg-Thieme-Verlag, Stuttgart, 1967

Hunger, Horst (Hrsg.), Lexikon der Rechtsmedizin, Kriminalistik Verlag Heidelberg, 1993

Akademie der Polizei Baden-Württemberg, Videofilm und Lehrunterlagen für Einsatztrainer zum Thema "Lagebedingter Erstickungstod", 1999

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